Natur – Malerei – Gegenwart. Annäherung an die Bildsprache von Katharina Ismer

Jens Semrau,  2013

 

Die Malerei von Katharina Ismer erscheint mir bildhaft, was heißen soll: es geht um keine andere Bedeutsamkeit als die des Anschaulichen im Bildgeviert. Das Bildhafte und die Realität haben miteinander zu tun, was nicht selbstverständlich ist – es gibt einen quasi natürlichen poetischen Zusammenhang, allerdings keinerlei Realismus, keine direkten Wirklichkeitsbezüge, aber zweifellos eine Hinwendung zur Natur oder Natürlichkeit, allerdings nicht in einem traditionellen Sinn. Man kann die Grundstimmung vielleicht sogar thematisch als ländliche Einfachheit deuten, obwohl ein solches Thema zu sehr an die traditionelle Landschaftsmalerei erinnert, mit der die Bilder wenig zu tun haben. Diese Malerei erscheint mir jung, weil sie ohne den Ausdruck von Weltschmerz ist, ohne die Gebrochenheit in Farben und Stimmungen, die in meiner Generation als Kultiviertheit empfunden wurde, oder als eine Möglichkeit der Wahrhaftigkeit.  Die Generation von Katharina Ismer hat andere Ziele, andere Farben, andere Strukturen, andere Kunstvorstellungen und Gesinnungen. Jüngere drücken sich anders aus und wollen etwas Neues, etwas Anderes, was manchmal unverständlich wirkt oder wirken soll.

Katharina Ismer besitzt einen ursprünglichen Impuls zur Malerei.. Ursprünglich ist ganz gewiß der malerische Fluß und die zeichnerische Motorik, ein bewegter Duktus, der durchgängig die Bilder prägt und trägt und der wahrscheinlich von anfang an da war. Es ist eine vielfältige Bewegtheit ohne Ausrichtung, eine quasi stehende, in sich verschlungene Bewegung mit spontanen, manchmal ruppigen-wilden Umbrüchen des Verlaufs und der Richtung. Brechungen gibt es also auch hier, gelegentlich auch eine gewisse Melancholie, was wie gesagt für meine Generation nahe lag. Vielleicht daher wird mir das Verstehen, die Sympathie leicht. Trotzdem wirken die Bilder neu oder jung, das macht für meine Empfindung das Ruppige im Duktus und die Farbenstimmung, teils zarte pastellartig aufgehellte Farben oder teils eine satte Farbigkeit bei monochromen Flächenfacetten, die mir wie Plaste- oder Aluminiumfarben vorkommen, weil die entsprechenden Flächen eine merkwürdig technoide Anmutung haben, wie ich es ähnlich auch bei andern jüngeren Malern gefunden habe. Die geometrisch klaren und monochrom ruhigen Flächen geben den Bildern Stabilität und schaffen oft eine räumliche Situation, ohne das es sozusagen prosaisch eindeutig wird. Auch diese Flächen sind zu allererst Form-Momente, Elemente der Bildsprache. Manchmal sind es Dreiecke oder unegale Flächen, Bänder, Streifen, die collagenhaft zusammentreffen und den ruppigen Duktus überlagern bzw von diesem überwuchert sind. Diese beiden Strukturmomente – der organoide bewegte Duktus und das Facettenhafte der Flächen und Bänder – beide bilden selbständig jeweils ein Bildgerüst, das gegen das andere und mit ihm zusammen einen offenen lebendigen Bildorganismus ausmacht. Dabei entstehen mitunter Räume oder Raumfragmente, die wiederum verunklärt werden. Eine Situation der Einfühlung ins Konkrete im Sinne etwa eines Landschaftsporträts soll gar nicht erst aufkommen, scheint mir. Zweifellos hat diese Malerei viel mit Empfindung, mit Stimmung, mit Wahrnehmung zu tun - man merkt den Bildern an, das sie ihren bestimmten Ausdruck auch durch die Emotion haben, die vielleicht sogar der Grund für die Entstehung der Bilder ist, und dass die Bilder daher authentisch sind. Aber die Malerin läßt sich dadurch nicht abbringen vom eigenen Konzept und Duktus, sie vertraut dem und sie tut gut daran. Wenn ich richtig verstanden habe, was sich mir bei meinen Atelierbesuchen und unseren Gesprächen mitteilte, sind die Bilder nicht konzeptuell gemeint und gemacht, sondern durchaus Resultat des mitunter langwierigen Arbeitsprozesses und der offen bleibenden Suche nach einer stimmigen Form. Mehr oder weniger bewußt angestrebt wird eine Farbigkeit und Formensprache, durch die das heutige Zeitgefühl ausgedrückt wird. Der Arbeitsprozess ist wohl irgendwie immer auch ein Selbstläufer, den zu bändigen – zu strukturieren Mittel der Verfremdung eingesetzt werden, deren Wirkung auf eine schroffe oder befremdende Weise ankommen kann und die dem Zeitgeist zu entsprechen scheint. – Den Zeitgeist empfindet man gern als befremdlich. – Es wäre aber ein Mißverständnis, Katharina Ismer als Protagonistin des Heutigen und des Zeitgeistes zu betrachten. Ihre Bilder sind natürlich von der Gegenwart geprägt, aber ihr Interesse und ihre bildnerische Emotion im Sinne einer Hinwendung zur Natur sind wiederum auch als eine Zeitabgewandtheit zu verstehen. Ihre bildnerischen Metaphern reden nirgndwo von Heutigem, sie sind aber doch von heute. Die Eigenart dieser Poetik scheint mir eine Art Indifferenz zwischen Gegenwart, Kunst, Natur, eine traumwandlerische Indifferenz, insofern etwas gemeint ist, was nicht an- und ausgesprochen, aber vorausgesetzt wird: Es geht sowohl um Natur wie um Malerei, wie um Gegenwart. Die Malerin baut da auch auf den Eigenwillen des Bildes. Auf Zweideutigkeiten angesprochen, also etwa auf die sogenannte unfreiwillige Assoziation, bekannte sie sich zum Traum von ihrem Bild, so nannte sie es. Die Märchenwelt bei E.T.A. Hoffmann kam mir in den Sinn, wo man auch nicht sicher ist, in welcher Welt die Musik spielt und die Handlung sich bewegt. Dort ist es die Welt der Literatur, wie hier die der Malerei, die beide jeweils vom Vertrauen auf die natürliche Dunkelheit des Poetischen leben. Auf jeden Fall entsteht der poetische Gedanke hier durch das Bild und die Malerei, nicht umgekehrt, nicht als Illustration einer Idee. Auch der Gegenwartscharakter ist nur glaubhaft, weil er keine vorsätzliche Botschaft ist, sondern sich eher visuell erahnen läßt. – Man hat bei manchen Bildern den Eindruck einer tastenden Strukturierung. Etwa beim Bild „Im Gebüsch“ sind Linien wie Mikadostäbe über gestrüppartige Wucherungen gelegt – wie auf der Suche nach Richtungsansätzen, nach einer Struktur. Dennoch ist eine Bildordnung vorhanden, die durch die Gewichte auf der Fläche hergestellt wird, was sicherlich aus dem Bauch heraus gesteuert ist. Das hat sozusagen Methode, aber diese Malerei erscheint mir nicht methodenbewußt oder methodendemonstrativ, wobei im Bild noch eine Theorie demonstriert würde. Die frühen Avantgardisten entwickelten ein eigenes ‚System’ der Abstraktion, sie rechtfertigten sich durch einen ‚Stil’. Das hat oft eine Angestrengtheit der Sprache zur Folge. Heute ist Stil im methodischen Sinne unnötig, glaube ich. Was den Kunstausdruck wirklich rechtfertigt, ist seine Selbstverständlichkeit. Man sieht, wenn man sich Zeit lässt, ob die bildnerischen Erfindungen Sinn machen und mit der Ordnung der Welt etwas zu tun haben. Man hat es mit bildnerischen Erfindungen zu tun: mit der Erfindung von Räumen, von Landschaft, von Figuration, auch von Symbolen, denn Duktus und Struktur haben einen Charakter und Ausdruck, der über das Strukturelle hinaus ins Symbolische weist.